Januar

1.1. Denke immer an das Ende, da die verlorene Zeit nicht zurückkehrt.

2.1. Zeit ist nur ein Bach, in dem ich angeln gehe

3.1. Wie weise und glücklich ist der, welcher so lebt, wie er am Ende wünschen wird, gelebt zu haben.

4.1. Dass uns Dinge begegnen, die uns lästig und durchaus zuwider sind, das ist für uns sehr gut. Denn sie treiben den Menschen, der aus seinem Innern geflohen ist, wieder      in sein Herz zurück..

5.1. Wenn du innerlich gut und lauter wärest, dann würdest du alles viel leichter sehen und wohl verstehen.

6.1. Nirgendwo in der Welt ist ein so großes Wunder geschehen wie in jener kleinen Hütte zu Bethlehem. Hier sind eins geworden: Gott und Mensch

7.1. Wo Demut ist, da ist steter Friede. Wo aber der Stolz herrscht, da ist Eifersucht, da ist Zorn und eine ganze Hölle voll Unruhe.

8.1. Gewohnheit wird durch Gewohnheit überwunden.

9.1. Was du bist, das bist du, und alle Worte der Menschen können dich nicht größer reden als du im Urteil Gottes wirklich bist.

10.1. Du sollst dankbar sein für das Geringste, und du wirst würdig sein, Größeres zu empfangen.

11.1. Freude wird jedes mal dein Abendbrot sein, wenn du den Tag nützlich zugebracht hast.

12.1. Ein Herz, das unbeständig und leer an guten Gedanken ist, wird bald ein Nest für den Teufel.

13.1. Ein leerer Wahn ist es, nach vergänglichem Reichtum die Hand auszustrecken und darauf seine Hoffnung zu bauen.

14.1. Kein Ding auf Erden schadet dir mehr als du dir selbst mit deiner Liebe zu dir.

15.1. Viele suchen in allem, was sie anfangen, heimlich nur sich selbst, ohne es zu merken.

16.1. Willst du Frieden und Eintracht mit anderen bewahren, so bleibt dir kein Weg, als dich in tausend Dingen überwinden zu lernen.

17.1. Die Fähigkeit, friedlich inmitten verstockter und verderbter Menschen zu leben, ist eine Gnade und äußerst rühmenswert.

18.1. Es ist kein Geschöpf so klein und unbedeutend, dass es nicht eine Spur der Güte Gottes an sich trüge.

19.1. Jedermann lobt die Geduld, wiewohl wenige sind, die leiden wollen.

20.1. Man muss vieles, das unser Ohr trifft, nicht hören, als wäre man taub, und dafür Sinn und Verstand auf das richten, was dem Herzen den Frieden bringt.

21.1. Was der Zeit unterworfen ist, das gebrauche; was ewig ist, danach strebe.

22.1. Liebe ist eine wunderbare Sache, das höchste Gut, das jede Last leicht erscheinen lässt.

23.1. Viel bewirkt, wer viel liebt.

24.1. Die menschliche Vernunft ist schwach und dem Irrtum verfallen; der wahre Glaube aber kann nicht irren.

25.1. Was der Mensch an sich oder anderen nicht bessern kann, das muss er mit Geduld ertragen, bis Gott es anders macht.

26.1. Ein friedfertiger Mensch bewirkt mehr Gutes als ein gelehrter.

27.1. Wem alles eins ist, wer alles auf das Eine bezieht und in dem Einen alles erkennt, der kann ruhigen Herzens sein und den Frieden in Gott bewahren.

28.1. Bewahre zuerst Frieden und Ordnung in dir selbst, dann magst du auch Frieden und Ordnung in anderen herstellen.

29.1. Wenn du darauf achtest, wie du bei dir im Innern bist, so wirst du dich nicht mehr sorgen, was die Leute über dich reden.

30.1. Wer sich weder durch Lob verführen noch durch Tadel in Verwirrung bringen lässt, der besitzt großen Herzensfrieden.

31.1. Tue, was an dir ist, und Gott wird deinem guten Willen zu Hilfe kommen.

Februar

1.2.  Ohne Arbeit gelangt man nicht zur Ruhe und ohne Kampf nicht zum Sieg.

2.2.  Lerne Geduld mit fremden Fehlern; denn siehe, du hast auch viel an dir, was andere tragen müssen.

3.2.  Wir wollen immer, dass andere gegen uns vollkommen seien, und wir wollen doch selbst unsere eigenen Mängel nicht bessern.

4.2.  Wenn wir vor dem letzten großen Gericht stehen, wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan haben.

5.2.  Verachte keinen, schade keinem. habe Mitleid mit den Bedrängten, komme den Bedürftigen zu Hilfe und erhebe dich niemals.

6.2.  Denke nicht so viel darüber nach, wer für oder gegen dich ist, verwende lieber all deine Sorge darauf, dass Gott bei allem mit dir ist!

7.2.  Liebe ist wachsam, und selbst im Schlaf wacht sie noch. Auch wenn sie ermüdet, erschöpft sie sich nicht, und wenn man sie bedrängt, lässt sie sich nicht bezwingen.

8.2.  Wehe denen, die zu groß sind, um mit den Kleinen klein zu werden.

9.2.  Wer die Dinge so fasst, wie sie sind, nicht wie sie genannt oder gepriesen werden, der ist wahrhaft weise und mehr von Gott als von den Menschen gelehrt.

10.2. Je mehr der Mensch in sich einig und rein ist, desto mehr und tiefere Wahrheiten erkennt er ohne Mühe, weil von oben her sein Geist erleuchtet wird.

11.2. Verlass alles, so findest du alles; lass deine Begierde, so findest du Ruhe.

12.2. Klein ist doch alles und von kurzer Dauer, was zeitlich ist und deshalb mit der Zeit vorübergeht.

13.2. Wir würden viel Frieden haben, wenn wir uns nicht soviel mit dem, was andere reden und tun beschäftigen würden, was uns nichts angeht.

14.2.  Wer weise liebt, sieht nicht so sehr auf die Gaben dessen, der liebt, als auf die Liebe dessen, der gibt.

15.2.  In deiner Zelle erlangst du wieder, was du draußen häufig verlierst.

16.2.  Wer etwas Eigenes haben will, verliert das Gemeinsame.

17.2.  Ich habe beschlossen: Ich werde mich dem Bösen widersetzen. Aber schon die kleinste Versuchung treibt mich in die Enge. Was anfangs unbedeutend erscheint, wird schnell zur heimtückischen Falle.

18.2.  Der vollkommenste Sieg ist sich selbst überwinden.

19.2.  Wenn man alles gelesen und durchforscht hat, so lautet der Schluss, dass man durch Drangsal in das Reich Gottes eingehen muss.

20.2.  Das sollte unsere Lebensart sein, sich selbst zu besiegen; täglich in der Kraft und im Guten zu wachsen.

21.2.  Besitzest du wirklich etwas Gutes, so glaube von anderen Besseres, damit du Demut bewahrst.

22.2.  Wenn das Leben mit dem Wissen in Einklang steht, dann hat man recht studiert.

23.2.  Sag mir, wo bist du daheim, wenn nicht bei dir selbst?

24.2.  Wer sich durch jede leise Eingebung seines Feindes ziehen und wie im Kreise umhertreiben lässt, der verrät dass er eine kleine Seele und wenig Herz hat.

25.2.  Gott wägt die Handlung mehr nach der Meinung ab, in der sie geschieht, als nach der Größe des verrichteten Werkes.

26.2.  Wie jeder in seinem Inneren ist, so ist sein Urteil über äußere Dinge.

27.2.  Wer in seinem Innern geordnet und wohlbestellt ist, der kümmert sich nicht um das sonderbare und verkehrte Treiben der Menschen. Nur soweit wird der Mensch gehindert und zerstreut, als er von den Dingen in sich aufnimmt.

28.2.  Der wahre Herzensfriede wird gefunden, nicht indem man seinen eigenen Willen und Begierden dient, sondern indem man Ihnen widerstrebt.

März

1.3.   Viele folgen Jesus nach bis zum Brotbrechen beim Abendmahle, aber wenige bis zum Trinken aus dem Leidenskelche.

2.3.   Wer hat einen härteren Kampf zu bestehen als der, der sich selbst besiegen will?

3.3.   Denke immer an das Ende, zumal auch, da die verlorene Zeit nicht zurückkehrt.

4.3.   Die ganze Heilige Schrift muss man in dem Geiste lesen, in dem sie geschrieben ist.

5.3.   Am Tage des Jüngsten Gerichts wird man uns nicht fragen, was wir gelesen, sondern was wir getan haben; nicht fragen, wie schön wir gesprochen, sondern wie fromm wir gelebt haben.

6.3.   Wer bei Jesus wohlgeduldet ist, der ist der Reichste unter den Reichen.

7.3.   Der Mensch sollte sich so verhalten, als wenn er täglich ins Grab gehen würde.

8.3.   Groß, wahrhaftig groß ist doch nur der, der große Liebe besitzt.

9.3.   Oft sehen meine Augen Schuld, wo die Menschen loben und rühmen.

10.3.  Versuchungen und Trübsal sind der Prüfstein, der den ganzen Wert des Menschen entscheidet.

11.3. Ohne innere Liebe ist alles äußere Tun nichts nutze. Was aber aus Liebe geschieht, das ist groß, das bringt reiche Frucht, so gering und ungeachtet es im Auge des Menschen immer sein mag.

12.3.  Die Gelegenheiten machen den Menschen nicht erst schwach und gebrechlich, sondern sie zeigen nur, wie schwach und gebrechlich er schon ist.

13.3.  Um eine geringe Stelle läuft man meilenweit, aber um des ewigen Lebens willen heben viele den Fuß nicht auf.

14.3.  Hohe Erkenntnis und Einsicht in die göttlichen Geheimnisse fordert Gott nicht von dir. Wenn du nicht einmal verstehst und begreifst, was unter dir ist, wie wirst du begreifen, was über dir ist?

15.3.  Wahrheit muss man suchen, nicht Beredsamkeit.

16.3.  Ein reiner, einfältiger und fester Geist lässt sich nicht durch viele Geschäfte zerstreuen, weil er alles zur Ehre Gottes tut und in sich ruhig von allem Eigennutze frei zu sein bemüht.

17.3.  Sobald ein Mensch eine unordentliche Begierde in sich nährt, so ist der Hausfriede seines Herzens gestört.

18.3.  Lobe Jesus in den Stunden der heißesten Angst wie in den Stunden höchsten Jubels.

19.3.  Zwei Flügel erheben den Menschen über das Irdische: Einfalt und Lauterkeit. Einfalt in der Absicht, Lauterkeit in der Liebe. Die Einfalt sucht Gott, die Lauterkeit findet ihn.

20.3.  Gott vermag mehr zu wirken, als ein Mensch begreifen kann.

21.3.  Das ist höchste Weisheit: sein Herz zu göttlichen Dingen erheben und durch Gleichgültigkeit der Welt gegenüber zum Himmel streben.

22.3.  Wer mit sich selbst im Frieden lebt, denkt von niemandem Arges.

23.3.  Ich höre oft, es sei viel besser, sich raten zu lassen, als anderen Rat zu geben.

24.3.  Der Gute und Gottesfürchtige ordnet zuvor in seinem Innern seine Handlungen, ehe er sie wirklich vollbringt und lässt sich nicht durch die Wünsche der sündlichen Lust bestimmen, sondern er beherrscht sie nach dem Gebote der Vernunft.

25.3.  Rede zu uns, Herr, wir möchten hören. Lass nicht zu, dass dein Wort dadurch zum Gericht wird, dass wir es hören, aber nicht lieben; dass wir es glauben, aber ihm nicht gehorchen.

26.3.  Der Mensch schlägt vor, aber Gott ordnet an.

27.3.  Auf der Waage Gottes wiegt das, was dich zum Tun treibt, ungleich mehr als die Tat selber.

28.3.  Das Feuer prüft das Eisen, und die Versuchung den Gerechten.

29.3.  Verlass dich, entsage dir und du wirst großen innerlichen Frieden genießen. Gib alles um alles hin, suche dir nichts aus, begehre nichts mehr zurück.

30.3.  Wenn Jesus im Innern nicht spricht, so ist alle Tröstung vergeblich. Wenn Jesus aber auch nur ein einziges Wort spricht, ist großer Trost zu verspüren.

31.3.  Weil keine Kreatur die Freude zu fassen vermag, die Gottes würdig wäre, darum geht diese ganz und gar vollkommene Freude nicht in den Menschen ein, sondern der Mensch tritt in sie ein.

April

1.4.   Wenn du willst, dass Finsternis um mich her werde, so preise ich dich im Finstern, und wenn du willst, dass Licht um mich her werde, so preise ich dich im Licht.

2.4.   Lerne so zu leben, dass dir die Todesstunde lieblich wird. Behalte dein Herz frei in steter Richtung nach oben zu Gott, denn es ist für dich hienieden keine bleibende Stätte.

3.4.   Wer in Trübsal und Versuchung beständig und inbrünstig betet, der kämpft mit Jesu im Todeskampf wider den Teufel.

4.4.   Ein friedvoller Mensch wendet alles zum Guten. 5.4. Nirgendwo habe ich mehr Ruhe gefunden als in Wäldern und in Büchern.

5.4.   Nirgendwo habe ich mehr Ruhe gefunden als in Wäldern und in Büchern.

6.4.  Warum suchst du die Ruhe, da du zur Arbeit geboren bist ?

7.4.   Wie glücklich und weise ist der Mensch, der so zu leben bestrebt ist, wie er im Tod befunden zu werden wünscht.

8.4.   Es ist leichter, ganz zu schweigen, als sich im Reden zu mäßigen.

9.4.   Niemand ist weiser als wer seine Seele immerdar in  Händen trägt. Es hat der Mensch keinen kostbareren Schatz als seine Seele. Er muss also wachen und beständig auf der Hut sein, weil dem Heil der Seele nichts gleich kommt.

10.4.  Nur so viel kommst du voran, als du dir selbst Gewalt antust.

11.4.  Wer am besten zu leiden versteht, der kann am besten Frieden haben.

12.4.  Alle Liebe, deren Band nicht Ich knüpfte, ist weder wahr noch rein.

13.4.  Wäre ein Herz recht gerichtet, so wäre jedes Geschöpf für dich ein Spiegel des Lebens.

14.4.  Was hindert und belästigt dich mehr als die unbezwungene Begierde deines Herzens?

15.4.  Sieh doch, wie fern du noch bist von der wahren Liebe und Demut, die über keinen Menschen zornig oder unwillig werden kann als nur über sich selbst!

16.4.  Auch ist gehorchen sicherer als befehlen.

17.4.  Dadurch, dass ich töricht mich liebte, habe ich mich selbst verloren.

18.4.  Zieh es vor, unbekannt zu bleiben.

19.4. Alle Vollkommenheit dieses Lebens hat eine gewisse Unvollkommenheit, und all unser noch so lichthelles Forschen hat sein Dunkel.

20.4.  Eine Versuchung zeigt uns unseren Wert.

21.4.  Viel tut der, der etwas gut tut.

22.4.  Denke allzeit Gutes, rede Gutes, tue Gutes, so wird dein Leben in Frieden dahinfließen.

23.4.  In allem habe ich Ruhe gesucht und habe sie nirgends gefunden, außer in einer Ecke mit einem Buch.

24.4.  Vieles gibt es, das zu wissen der Seele gar wenig, ja nichts frommt.

25.4.  Die Wahrheit spricht in uns ohne Geräusch der Worte.

26.4.  Am Abend prüfe dein Verhalten, wie du den Tag gewesen bist in Worten, Werken und Gedanken.

27.4.  Lieben soll man alle Menschen, aber vertraut sein mit jedermann, das taugt nichts.

28.4.  Regeln und Gesetze sind gut für die schwachen Stunden, für die starken Stunden brauchen wir sie nicht.

29.4.  Für eine kleine Belohnung wird ein Mensch auf eine lange Reise eilen, während viele kaum einen Schritt für das ewige Leben unternehmen.

30.4.  Bei allem, was du tust, bedenke das Ende. Wie wirst du vor dem strengen Richter bestehen, der nach Gerechtigkeit richtet?

Mai

1.5.  Herr, du weißt, was besser für mich ist: Mache es so oder so, wie du willst. Gib mir, was du willst, wieviel du willst und wann du willst. Stelle mich, wohin du willst und tu mit mir in allem nach deinem Willen.

2.5.   Keiner kann vom Papst eine Bulle erhalten, die ihm zusichert, dass er nie sterben muss.

3.5.  Große Weisheit ist es, sich im Handeln nicht zu überstürzen und nicht hartnäckig auf der eigenen Meinung zu bestehen.

4.5.   Es gibt keinen schlimmeren und lästigeren Feind der Seele, als du selbst es bist, wenn dein Inneres in Unordnung ist.

5.5.   Nicht an die Güter hänge dein Herz, die das Leben vergänglich zieren. Viele suchen in den Dingen, die sie betreiben, unbewusst nur sich selbst und wissen es nicht.

6.5.   Ist das ewige Leben nicht wert, jede Mühe und Plage auf sich zu nehmen? Es ist doch wahrhaftig kein geringer Unterschied, ob man den Himmel gewinnt oder verliert.

7.5.   Gott gibt oft in einem einzigen Augenblick, was er lange versagt hat. Denn der Herr spendet dort seinen Segen, wo er leere Gefäße findet.

8.5.   Vertraue auf Gott, und versteife dich nicht auf dein eigenes Urteil. Dann kann dich nichts schrecken.

9.5.   Je reiner das Auge der Gesinnung ist, umso standhafter wandelt man durch alle Stürme.

10.5.  Die ernste Unterhaltung über geistliche Dinge trägt nicht wenig zum Fortschritt bei.

11.5.  Wer nicht kleine Fehler vermeidet, verfällt allgemach in größere.

12.5.  Ein Mensch, der Frieden schafft, ist mehr wert als ein Hochgelehrter.

13.5.  Glücklich, wer alles von sich weist, was ihn hindert und zerstreut, und wer sich in eins zu sammeln vermag.

14.5.  Einzig die Wahrheit ist es, was wir uns von den heiligen Schriften erwarten sollten, nicht der Prunk des Wortes.

15.5.  Würden wir jährlich nur einen Fehler ausrotten, so wären wir bald vollkommene Menschen.

16.5.  Entsage also allem, werde deinem Schöpfer ergeben und treu, dann wirst du die wahre Glückseligkeit erlangen.

17.5.  Flüchtig und wie ein Schatten vergeht das Leben des Menschen. Sammle dir darum unvergängliche Schätze, solange du Zeit hast. Sorge dich um das, was Gottes ist.

18.5.  Darin besteht das Wesen der Tugend, dass du in Freuden und Leiden ein und derselbe Mensch bist.

19.5.  Was fliehst du den Tod? Fliehe lieber die Sünde!

20.5.  Das Glück des Menschen ist nicht, zeitliche Dinge im Überfluss zu haben, sondern es genügt ein bescheidenes Maß.

21.5.  Eines hält viele vom Fortschritt und von ernsthafter Besserung zurück; die Angst vor der Schwierigkeit und die Mühsal des Kampfes.

22.5.  Entsage also allem, werde deinem Schöpfer ergeben und treu, dann wirst du die wahre Glückseligkeit erlangen.

23.5.  Je mehr jemand zum Frieden mit sich selbst kommt, desto mehr und desto höhere Dinge erkennt er ohne Mühe, denn von oben erhellt ihn das Licht des Erkennens.

24.5.  Lass du nur die Leute ihre Wege gehen, so werden sie dich wohl auch deine Wege wandeln und deine Geschäfte treiben lassen.

25.5.  So vergeht die Herrlichkeit der Welt.

26.5.  Wir hätten das schönste Leben, wenn wir uns weniger darum kümmern würden, was andere sagen und tun.

27.5.  Wenn du dich vom unnötigen Geschwätz, vom müßigen Umherlaufen, von dem geistlosen Jagen nach Neuigkeiten und Gerüchten fernhältst, wirst du Zeit und Gelegenheit übrighaben, heilsame Betrachtungen zu üben.

28.5.  Trägst du dein Kreuz willig, so wird es dich tragen. Trägst du es unwillig, so machst du aus einem Kreuze zwei und musst es dennoch tragen.

29.5.   Auch das ist Weisheit, nicht jedes Menschenwort für wahr zu halten, und was man gehört und geglaubt hat, nicht sogleich nachzuerzählen und in fremde Ohren zu übertragen.

30.5.  Niemand kann ohne Gefahr den Mund zum Reden auftun, der nicht zu schweigen vermag.

31.5.  Niemand kann ein guter Oberer sein, der nicht gern sich unterwirft. Niemand kann gute Befehle erteilen, der nicht gelernt hat zu gehorchen.

Juni

1.6.  Niemand hat echte Herzensfreude, der nicht das Zeugnis des guten Gewissens in sich trägt.

2.6.   Wer ist doch so weise, dass er alles vollständig weiß? Darum traue in keiner Sache zu viel auf deine Einsicht, sondern höre gern, was andere Leute davon denken.

3.6.   Wenn du gar nie nachgeben willst, auch da nicht, wo dir vernünftige Gründe zum Nachgeben raten, so ist es ein sicheres Zeichen, dass du ein eitler Tor und ein steifer, unbeugsamer Kopf bist.

4.6.   Es ist eine recht große Torheit, dass wir Dinge, deren Erkenntnis uns nützlich oder gar notwendig ist, außer Acht lassen, und dafür Dinge, die bloß unsere Neugier reizen und uns dabei noch schaden können, erforschen! Da heißt es recht: Augen haben, und nicht sehen!

5.6.   Wenn es dir in den Kopf steigen will, dass du viele Dinge weißt: so vergiss nicht, dass es noch ungleich mehr Dinge gibt, von denen du nichts weißt und nichts verstehst.

6.6.  Wer sich wahrhaft kennt, der hält sich selbst für gering und kann keine Freude daran haben, wenn ihn die Menschen loben.

7.6.  Trage wegen der Größe oder Schönheit deines Leibes den Kopf nicht hoch: denn sieh! Eine geringe Krankheit zerstört ihn und verwandelt alle Schönheit in Hässlichkeit.

8.6.  Oft leuchtet ein Unbekannter in der Ferne durch das Licht guten Rufes sehr helle; aber wenn er vor dir dasteht, da verliert sich der Glanz in deinem Auge.

9.6.  Manchmal glauben wir, andere würden große Freude an unserer Gesellschaft haben. Allein, sobald sie unser zuchtloses Betragen wahrnehmen, haben sie mehr Missfallen an unseren Fehlern als Wohlgefallen an ihrer Bekanntschaft mit uns.

10.6.  Wir erkämpfen selten auch nur über ein einziges Laster einen vollkommenen Sieg, und es fehlt uns durchaus am heiligen Eifer, täglich besser zu werden; deshalb bleiben wir immer so lau oder werden auch kalt.

11.6.  Es ist schwer, wider seine Gewohnheit zu handeln; aber noch schwerer ist es, wider seinen eigenen Willen anzugehen.

12.6.  Es ist kein Stand so heilig, kein Ort so abseits, dass Versuchung oder Trübsal nicht Eingang fänden.

13.6.  Wie jeder in sich selbst beschaffen ist, so urteilt er von den Dingen außer sich.

14.6.  Wer das Seine immer recht und gerecht abwägen würde, dem würde alle Lust vergehen, das Fremde hart zu richten.

15.6.  Der hat große Seelenruhe, der sich weder die Lobsprüche noch die Schmähworte der Menschen nahe ans Herz gehen lässt.

16.6.  Stell dich immer an die unterste Stelle, und es wird dir die oberste angewiesen werden. Denn das Oberste hat ohne das Unterste keinen festen Boden.

17.6.   Schnell ist der Lauf der Liebe, hoch ihr Flug, lauter ihre Freude und unaufhaltsam ihr Sinn. Die Liebe gibt alles für alles und hat alles in allem.

18.6.  Besser wenig Wissenschaft mit viel Demut und kleinem Verstande als große Reichtümer von Wissen mit viel Selbstgefälligkeit besitzen.

19.6. Wer seine ganze Hoffnung auf Gott gegründet hat, den werden die Lobsprüche einer ganzen Welt nicht mehr bewegen können. Denn sieh! Auch die da reden, sind alle nichts, verschwinden mit dem Schwall ihrer Worte, aber die Wahrheit des Herrn, die bleibt ewig.

20.6.  Es ist sehr schwer, richtig zu unterscheiden, ob dich der gute Geist oder ein fremder Geist oder dein eigener Geist treibt, dieses oder jenes zu verlangen. Viele sind am Ende betrogen worden, die anfangs von gutem Geist gelenkt schienen.

21.6.  Was wir Gutes haben an Leib und Seele, in uns und außer uns, alles Gute, es liege in dem Gebiete der Natur, oder es sei höher als die Natur, alles Gute ist deine (Gottes) Gabe, und preist dich als Geber voll Güte und Milde, von dem wir alles Gute empfangen haben.

22.6.  Wer mehr empfangen hat, darf es nicht etwa als sein Verdienst, das ihm Ehre machte, ansehen, darf sich nicht über andere erheben, nicht den, der geringer ist, mit höhnendem Stolz verachten. Denn der nur ist größer und besser, welcher sich selbst weniger zuschreibt und im Danken mehr Demut und Andacht bezeugt.

23.6. Rüste dich also zum Streite, wenn du den Sieg haben willst.

24.6. Was aber andere tun oder reden, darüber erlaube dir nie ein voreiliges Urteil, und mische dich nicht in irgendein Geschäft, das dir nicht anvertraut ist. So wird es geschehen, dass dein Herz wenig oder selten in Unruhe gerät.

25.6.  Wenn eine Trübsal oder Versuchung fortgeht, zieht schon wieder eine andere auf den Kampfplatz, und oft, indem wir noch mit einer im Streite liegen, fallen uns schon mehrere andere in den Rücken, ganz unerwartet.

26.6.  Nähre keine Begierde nach dem, was du nicht besitzen darfst, und ringe nicht um den Besitz dessen, was dich fesseln und der inneren Freiheit berauben kann.

27.6.  Wenn du bald dies, bald jenes suchst, bald da, bald dort sein möchtest und überall nur auf deinen Nutzen, auf Befriedigung deiner Neigung siehst, so wirst du niemals ruhig werden und überall die Sorge, die dich unruhig macht, mit dir hinbringen.

28.6.  Du kannst dich durch und durch ändern, aber dich besser machen das kannst du nie. Denn wovor du fliehst, das wirst du bei dem nächstkommenden Anlasse wieder finden und noch mehr.

29.6.  Wenn du denkst, jetzt ist alles verloren, gerade da kannst du am meisten gewinnen. Es ist nicht gleich alles verloren, wenn dir etwas wider Sinn und Wunsch begegnet.

30.6.  Die Weisheit, die durch göttliche Eingebung von oben kommt, ist viel edler als die Wissenschaft, welche sich der menschliche Kopf durch mühsames Forschen selbst schafft.

Juli

1.7.  Das gute Leben ist eine Frucht, die nur aus dem reinen Herzen hervorgeht.

2.7.  Wer aber im Geiste wohl geübt ist und die rechte Weisheit besitzt, der hat bei all dieser Veränderlichkeit seines Herzens Einen unveränderlichen Standpunkt: er heftet seinen Blick nicht auf die Empfindung, die kommt und geht, oder auf die mancherlei Seiten, von denen der Wind bald so, bald anders herweht, sondern richtet alle seine Gedanken und Absichten zu dem Einen, rechten, besten Zielpunkt hin.

3.7.  Danach musst du mit allem Fleiße trachten, dass du überall und in allem, was du tust, in jedem äußeren Werke, bei dir im Innersten zu Hause bist, frei und deiner mächtig; dass alle Dinge unter dir sind und du nicht unter ihnen; dass du der Herr und der Regent deiner Handlungen bist und nicht ihr Knecht und ein Sklave.

4.7.  Es ist besser, beide Augen vor missfälligen Dingen zu schließen, und einen jeden bei seinem Empfinden zu lassen, als im ewigen Zank und Streit mit den Nachbarn zu leben.

5.7.  Was nichts oder äußerst wenig nützt, darauf richtet man die erste Aufmerksamkeit, und was das Erste und das Alleinnotwendige ist, das wird, wie nichts, außer Acht gelassen.

6.7.  Wo ist der Mensch, der sich überall mit so viel Vorsicht und Wachsamkeit leiten und selbst bewahren kann, dass ihn nie irgendein Vorfall täuscht oder aus seiner Fassung bringt?

7.7.  Wie viel trägt es doch zur sicheren Bewahrung der himmlischen Gnade bei, wenn man nicht vor Menschen glänzen, nicht nach Beifall und Bewunderung haschen, sondern dem allein mit allem Fleiße nachringen will, was unser Leben besser, und unseren Eifer für das Gute lebendiger macht.

8.7.  Hast du gefehlt, so lass es deine erste Sorge sein, deinen Fehler wieder gut zu machen.

9.7.  Wer seinen eigenen Nutzen sucht, sucht sich selbst, und wer sich selbst sucht, befleckt mit der Eigenliebe, die sich selbst sucht, alles, was er sucht. Denn alles, was mit Eigenliebe befleckt ist, ist befleckt, von Eigenliebe angesteckt.

10.7. Der Sinn des Menschen betrügt sich oft in seinem Urteil. Die Freunde der Welt sind der Täuschung preisgegeben, weil sie nur das Sichtbare lieben.

11.7. Ist der Mensch deshalb besser, weil andere ihn höher schätzen? … Was der Mensch in Gottes Augen ist, das ist er, und mehr ist er nicht, sagt der demütige, heilige Franziskus.

12.7.  Wer das wahre, geistliche Leben in sich haben will, muss sich losmachen von allen ungeordneten Neigungen für alle übrigen Dinge, nah und fern, und muss sich vor niemandem sorgsamer hüten als vor sich selbst.

13.7.  Viele fragen, wer der Größte im Himmelreiche sei, und wissen nicht, ob sie selbst gut genug sein werden, einst auch nur die Stelle des Geringsten einzunehmen.

14.7. Wehe denen, die zu groß sind, um freiwillig mit Kleinen klein zu werden; denn die Tür des Himmels ist niedrig und nicht groß genug, um so große Menschen einzulassen!

15.7. Wehe auch den Reichen, die ihren Himmel hier auf Erden haben, denn sie werden draußen stehen müssen und heulen, indes die Armen in das Reich Gottes eingehen werden!

16.7.  Alle anderen suchen das Ihre; du (Gott) suchst nur mein Heil, nur meinen Fortschritt im Guten und lenkst alles nur zum Besten.

17.7.  O wie groß und ehrwürdig ist das Amt der Priester, denen es gegeben ist, den Herrn der Herrlichkeit mit den heiligen Worten zu konsekrieren, mit ihren Lippen zu preisen, mit ihren Händen zu halten, mit ihrem Munde zu genießen, und anderen zum Genuss darzureichen. O wie rein sollen ihre Hände, wie lauter ihre Lippen, wie heilig ihr Leib, wie unbefleckt ihre Herzen sein, da der Urheber aller Reinheit so oft bei ihnen Herberge nehmen will.

18.7. Aus dem Munde des Priesters, der so oft das Sakrament Christi empfängt, soll wahrhaftig kein anderes Wort hervorgehen, als ein heiliges und erbauendes und nützliches.

19.7. Meide das Vielschwatzen, bleib bei dir daheim und genieß deinen Gott, den dir die ganze Welt nicht rauben kann.

20.7. Wer die Majestät erforschen will, den erdrückt ihre Herrlichkeit.

21.7. Was du nicht begreifen kannst, das stelle furchtlos dem allmächtigen Gott anheim.

22.7.  Gott betrügt nicht; aber wer sich selbst zu viel glaubt, wird von sich selbst betrogen.

23.7.  Die Kinder und Heranwachsenden sollen von frühester Jugend an lernen, die Schriften zu lesen, die Schule zu besuchen, ihr Streben auf die wissenschaftliche Ausbildung zu richten und den Lehrern die Aufmerksamkeit zu schenken, nicht aber durch die Straßen zu schweifen und sich mit nichtigen Spielen zu beschäftigen.

24.7.  Sei sanftmütig und tapfer, wenn der Augenblick der Versuchung kommt. Lass dich nicht verwirren oder verzweifle nicht, wenn man wegnimmt, was du sehr schätzt, oder wenn dir verweigert wird, was du für notwendig hältst.

25.7.  Viele handeln schlecht und wissen es nicht. Es sind aber mehr, die ihre schlechten Eigenschaften erkennen und sich dennoch nicht bessern. Für sie muss man leiden und beten, dass Gott ihnen den Geist der Zerknirschung zu ihrer Rettung schickt.

26.7.  Mögest du dich besonders davor hüten, dass etwas Ausschweifendes oder Verführerisches in dein Herz kommt, was dich schädigt oder verwirrt, was dich auf eitle Weise in Beschlag nimmt oder innerlich verfinstert.

27.7. Wahrhaftig, hochgelehrte und tiefsinnige Worte machen den Menschen nicht heilig und nicht gerecht, aber ein Leben voll Tugend, das macht uns bei Gott genehm.

28.7. Es ist mir ungleich lieber, ein lebendiges Gefühl der Reue und Buße im Herzen zu haben, als eine schulgerechte Erklärung geben zu können, was Reue und Buße sei.

29.7. Viele Worte machen, das stillt den Hunger der Seele nicht.

30.7. Reiß also dein Herz von den sichtbaren Gütern los und erhebe es zu den unsichtbaren. Denn die ihrer Sinnlichkeit blind folgen, beflecken ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.

31.7. Je mehr du weißt und je größer deine Einsicht ist, desto strenger wirst du gerichtet werden, wenn dein Leben nicht um so viel heiliger sein wird, als deine Einsicht besser war. Darum trag du den Kopf nicht deshalb höher, weil du diese Kunst oder Wissenschaft besitzt.

August

1.8.  Willst du etwas Rechtes lernen und wissen, so lerne die Kunst, gern unbekannt zu sein und dich für nichts halten zu lassen.

2.8.  Selig, den die Wahrheit durch sich selbst unterweist, nicht durch Bilder, die verschwinden, nicht durch Worte, die verschallen.

3.8.  Der gute Mensch, der sich seinem Gott ganz geweiht hat, ordnet zuerst im Inwendigen alles, was er danach im Äußeren zu Stande bringen muss.

4.8.  Und dies sollte unser eigentliches Geschäft auf Erden sein; sich selbst überwinden, täglich mehr Stärke über sich gewinnen und täglich im Guten vorwärts schreiten.

5.8.  Ein reines Gewissen und ein Leben voll Tugend sind unvergleichlich mehr wert als alles Wissen und Erkennen.

6.8.  Frage nicht lange, wer das gesagt habe, sondern sieh nur immer auf das, was da gesagt wird.

7.8.  Nie soll dich das Ansehen eines Schriftstellers irre machen. Nie sollst du darauf Acht haben, ob die großen Gelehrten ihn für ihresgleichen halten oder nicht. Denn die Liebe zur reinen Wahrheit, und nur diese Liebe, soll dich zum Lesen treiben.

8.8. Der Hochmütige und der Geizige haben nie Ruhe. Wer aber die wahre Demut und die rechte Armut des Geistes besitzt, der hat einen unerschöpflichen Reichtum des Friedens in sich.

9.8.  Nicht dadurch, dass du deinen Begierden wie ein Knecht nachgibst, sondern dadurch, dass du ihnen widerstehst, findest du den wahren Frieden des Herzens.

10.8. Wenn du dich unter alle stellst, das schadet dir nicht. Aber sehr schädlich kann es für dich werden, wenn du dich auch nur über einen einzigen stellst.

11.8.  Es ist nichts Geringes im Gehorsam zu stehen, unter einem Oberen zu leben und nicht sein eigener Herr zu sein. Es ist auch ungleich sicherer, Untertan zu sein als Obrigkeit.

12.8.  Es mag wohl sein, dass dein Urteil hie und da richtig ist. Aber wenn du nie nachgeben willst, auch da nicht, wo dir vernünftige Gründe zum Nachgeben raten, so ist es ein sicheres Zeichen, dass du ein eitler Tor und ein unbeugsamer Kopf bist.

13.8.  Ist deine Meinung gut und gehst du doch, um Gottes willen, davon ab und folgst einem anderen, so wirst du ungleich mehr Nutzen davon haben, als wenn du deinem eigenen Kopfe gefolgt wärst.

14.8. Darum reden wir so gern miteinander, weil wir in der Unterhaltung einer bei dem anderen Trost und Erquickung suchen und dem Herzen, das mit so vielen Gedanken gefüllt ist, gern Luft machen möchten.

15.8. Wir könnten viel Ruhe und Frieden haben, wenn wir uns Kopf und Herz nicht so sehr marterten mit dem, was andere reden und tun und was doch unser Gewissen gar nicht berührt.

16.8. Die Leidenschaften in uns sind es, die dem armen Herzen so viel zu schaffen machen, und die vergänglichen Dinge außer und, die dasselbe Herz in unserer Bewegung halten und von einer Empfindung zur anderen jagen.

17.8. Darfst du reden und nützt es zu reden, so beginne mit dem, was zur Erbauung dient. Aber weil wir von Jugend auf gewohnt sind, zu tun, was nichts taugt, und immer zu wenig auf unseren Fortgang im Guten bedacht sind, eben darum sind wir in der Bewahrung der Zunge so äußerst nachlässig.

18.8. Es darf nur eine kleine Plage an unserer Tür anklopfen: Sogleich ist all unser Mut dahin, und wir sehen uns wieder nach menschlichen Tröstungen um.

19.8. Wenn wir uns anfangs nur ein wenig Gewalt antun würden, so würden wir in der Folge alles noch einmal so leicht und mit Freude tun.

20.8. Wenn du geringe, leichte Hindernisse nicht überwinden kannst: wie willst du große, schwere Hindernisse aus dem Wege schaffen? Leiste deinen Neigungen Widerstand, gleich bei ihrem Entstehen, und mache dich durch frühe Entwöhnung von aller bösen Gewohnheit los, damit aus einer geringen Beschwernis nicht nach und nach eine größere wird.

21.8. Es ist gut, dass wir Widerspruch erfahren, und dass manche Menschen recht böse von uns denken und reden, ob wir gleich rechttun und beim Rechttun gute Absichten haben. Das sichert unsere Demut und bewahrt uns vor dem Zauberdunst eitlen Ruhmes.

22.8. Es ist kein Vollkommener so vollkommen, kein Heiliger so heilig, dass er nicht manchmal noch zum Bösen versucht werde.

23.8. Wer nur so von außen den Versuchungen aus dem Wege geht und nicht an die Wurzel in sich die Axt anlegt, der richtet im Grunde wenig aus; denn die Versuchungen werden nur desto schneller wieder zu ihm kommen, und die letzten Dinge dann ärger als die ersten sein.

24.8. Wachen, wachen müssen wir, besonders im Anfang der Versuchung. Denn wenn der Feind nicht zur Tür hereingelassen, sondern noch vor der Türschwelle beim ersten Anklopfen zurückgeschlagen wird, so hat es mit dem vollkommenen Sieg nicht mehr so viel Schwierigkeit.

25.8.  Wenn der Mensch nichts hat, das ihn drückt und beschwert, dann ist es nichts Großes, andächtig und voll Glut im Geiste zu sein. Aber, in den Tagen des Unglücks geduldig sein und sich in Geduld bewahren können, das lässt auf große Fortschritte in allem Guten hoffen.

26.8. Kehre deinen Blick nach innen und hefte ihn auf dich selbst, auf dein Innerstes, und erkühne dich nicht, zu richten, was andere tun.

27.8. Wer andere gern richtet, der arbeitet erstens umsonst, verfehlt zweitens die Wahrheit öfter als er sie trifft, und versündigt sich drittens leichter als er glaubt. Wer aber sich selbst erforscht, sich selbst richtet, der arbeitet mit Segen.

28.8. Wie unser Herz gegen eine Sache gestimmt ist, so urteilt unser Verstand davon.

29.8. Das gerade, wahre Urteil über die Dinge verlieren wir gar leicht, weil wir uns selbst mehr lieben als die Wahrheit.

30.8. Alter Gewohnheiten können wir uns nur mit äußerster Mühe entwöhnen, und niemand sieht es gern, dass man ihn weiter führt, als sein Auge reicht.

31.8. Und wenn du die ganze Welt gewinnen könntest, und um keines Menschen willen darfst du Böses tun. Aber aus Liebe zu deinem Nächsten, der Hilfe nötig hat, darfst du hie und da ein gutes Werk kühn und frei unterlassen, oder das geringere in ein besseres verwandeln. Denn wenn du deinem Nächsten zu Hilfe kommst, so wird dadurch das gute Werk nicht zerstört, sondern in ein besseres verwandelt.

September

1.9.  Wer viel Liebe hat, der wirkt viel. Wer seine Dinge recht tut, der wirkt viel. Wer lieber der Gemeinschaft als seinem Eigenwillen dient, tut wohl.

2.9.  Oft scheint Liebe zu sein, was doch eitel Fleisch und Blut ist. Denn natürliche Zuneigung, Eigenwille, Hoffnung auf Wiedervergeltung, Trieb zu Bequemlichkeit, die mischen sich fast immer in unsere guten Werke.

3.9. Wenn jemand nur ein Fünklein der wahren Liebe in sich hätte, er würde sich des lebendigen Gefühls nicht erwehren können, dass alles Irdische voll Eitelkeit ist.

4.9. Du kannst aus dir selbst nicht den Menschen schaffen, den du gern aus dir machen möchtest: wie wirst du denn einen andern nach deinem Kopf umschaffen können? Wir sähen es gern, dass die andern keine Fehler hätten, aber die eignen lassen wir ungebessert.

5.9.  Wir sähen es gern, dass andere in strenge Zucht genommen würden; an uns aber soll die strenge Zucht keine Hand anlegen dürfen.

6.9.  Wir haben großes Missfallen daran, dass anderen so vieles, was sie wider die Ordnung begehen, gestattet wird, und können es nicht leiden, dass uns das Geringste, das wir haben wollen, versagt wird.

7.9.  Wir wünschen, dass andere durch schärfere Verordnungen im Zaume gehalten werden, und können es nicht ertragen, dass unsere Freiheit nur im Geringsten beschränkt wird. Da wird’s denn offenbar, wie selten wir unseren Nächsten mit denselben Augen ansehen, mit denen wir uns anschauen.

8.9.  Nun aber hat es Gott so geordnet, dass einer die Bürde des andern tragen lernen soll (Gal. 6, 2). Denn ohne Fehler ist keiner, keiner ohne Bürde, keiner sich selbst genug; keiner weiß sich in allem selbst zu raten, einer muss den andern ertragen, einer den andern trösten, stützen, unterweisen, ermahnen.

9.9.  Wie groß aber deine Stärke ist, das offenbart sich viel heller in Widerwärtigkeiten. Denn die Gelegenheiten machen den Menschen nicht erst schwach und gebrechlich, sondern sie zeigen nur, wie schwach und gebrechlich er schon ist.

10.9. Es kann auch mit deinem Frieden keinen Bestand haben, wenn du dich nicht mit der untersten Stelle begnügen und für den Geringsten kannst ansehen lassen.

11.9. Die Fußstapfen, die sie uns hinterlassen haben, bezeugen es noch, dass es heilige und vollkommene Männer waren, die so tapfer gekämpft und die Welt so glücklich unter die Füße gebracht haben. Jetzt hält man den schon für einen großen, seltenen Mann, der nur kein Gebot übertritt und das Widrige, das ihn etwa trifft, geduldig trägt.

12.9. Das Leben eines guten Religiosen muss mit allen Tugenden im Innern geziert sein, damit er genau das sei, was er im Äußern zu sein scheint. Und nicht nur das: Es soll in seinem Innern noch weit mehr Gutes sein, als im Äußern erscheint.

13.9. Wie unser Vorsatz, so ist der Lauf unserer Besserung. Und, wer immer noch besser werden will, muss immer sehr fleißig sein.

14.9. Unsere Vorsätze müssen immer auf etwas Bestimmtes gerichtet sein, und vor allem gegen das, was uns am meisten im Wege liegt.

15.9. Wenn du dich nicht immer in dir sammeln kannst, so sammle dich doch hier und da, wenigstens einmal im Tage, am frühen Morgen oder am Abend. Am Morgen erwecke dich zu einem guten Vorsatz; am Abend durchforsche deinen Wandel, wie den Tag über deine Gedanken, deine Worte, deine Handlungen beschaffen gewesen sind.

16.9. Sei nie ganz müßig, sondern lies oder schreib, oder bete, oder betrachte, oder arbeite etwas zum Nutzen der Gemeinde. Doch bei leiblichen Übungen musst du besonders vorsichtig zu Werke gehen; es sind nicht alle solche Übungen allen Menschen im gleichen Maße anzuraten.

17.9. Was nicht gemeinsame Übung ist, das stelle vor anderen nicht zur Schau. Denn, was besonders und für dich allein ist, das wird auch sicherer im Stillen geübt. 

18.9. Suche dir oft eine schickliche Zeit aus, wo du ganz allein zu Hause sein kannst. Und dann überdenk das Gute, das du von der Hand Gottes empfangen hast. Lass liegen, was die Neugier reizt

19.9. Es ist leichter, nichts zu reden, als reden und nicht fehlen

20.9. Oft sind gerade die, welche im Auge der Menschen die besten waren, in die größte Gefahr geraten, weil ihr Vertrauen auf sich selbst viel zu groß war.

21.9. Die Sinnlichkeit lockt dich zum Ausgehen; aber, wenn das Stündchen vorüber ist, was bringst du denn wieder nach Hause als ein beschwertes Gewissen und ein zerstreutes Herz?

22.9. Ein heiteres Ausgehen erzeugt oft ein trübes Heimgehen, und ein lustiger Abend einen traurigen Morgen.

23.9. Wärest du nicht hinausgegangen, hättest du dir die Gerüchte nicht angehört, dein Herz wäre nicht so geschwind um seine Ruhe gekommen. Seitdem du jeden Tag Neues und wieder Neues hören willst, schleicht sich fast immer mit den Neuigkeiten neuer Unfriede in dein Herz.

24.9. Wenn du die Leute gehen und sie das Ihre tun lassen kannst, so werden sie dich auch gehen und das Deine tun lassen.

25.9. Ein guter Mann findet zum Trauern und Weinen immer Stoff genug. Er mag sein Elend oder das Elend seines Nachbars ansehen, so begreift er gar bald, dass hier niemand ohne Trübsal und Herzeleid leben kann. Und je scharfsichtiger er sein Innerstes durchforscht, desto mehr Ursache zu trauern hat er. 

26.9. Wer ist der Mensch, dem alles nach seinem Sinne geht? Ich nicht und du nicht und kein Mensch auf Erden kann alles nach seinem Sinne haben.

27.9. Kein Mensch ist ohne Plag und Trübsal auf Erden, kein einziger, er sei König oder Papst.

28.9. Schau du aber nur mit festem Blick auf die Güter des Himmels hin, und du wirst klar sehen, dass alle diese Güter der Erde nicht die rechten Güter des Menschen sein können.

29.9. Überfluss in zeitlichen Gütern haben, das ist die Seligkeit des Menschen nicht. Der Mensch ist reich genug mit mittlerem Maß.

30.9. Noch hast du Zeit und Stunde. Aber warum immer so gezögert und das Wichtigste von heute auf morgen verschoben? Steh auf, und fang in diesem Augenblicke an, und sprich zu dir: Jetzt ist es Zeit zum Handeln,

Oktober

1.10. Ist dir nicht wohl zumute und kommt eine Plage über dich, nun, das ist die rechte Zeit, dich eines besseren, seligen Lebens würdig zu machen. Du musst noch zuvor durch Feuer und Wasser hindurch, ehe du in das Land der Erquickung kommen kannst.

2.10. Wie groß ist doch die Gebrechlichkeit des Menschen, wie geneigt zur Sünde unsere Natur! Heute bekennst du deine Sünde, und morgen tust du wieder die nämliche Sünde, die du heute bekannt hast!

3.10. Wir haben also Ursache genug, demütig zu sein und uns selbst für gering zu halten, weil wir gar so gebrechlich und wandelbar sind.

4.10. Was wird am Ende unseres Lebens noch aus uns werden, die wir schon am Morgen alles Feuer auf unserem Herd haben ausgehen lassen?

5.10. Schnell wird es mit dir hienieden geschehen sein. Darum sei nicht mit dir zufrieden, bis du ein anderer Mensch geworden sein wirst.

6.10. Heut noch ist der Mensch, und morgen ist er nicht mehr. Und ist er einmal aus den Augen, so ist er auch schnell aus dem Andenken der Menschen dahin.

7.10. Wie ist doch der Sinn des Menschen so hart und so stumpf, dass er immer so fest hängt an der Gegenwart und nicht hinausblickt auf die Zukunft!

8.10. Was nützt es dir, lange zu leben, wenn dein Eifer, besser zu werden, von so kurzer Dauer ist?

9.10. Ach, ein langes Leben macht den Menschen nicht immer besser, macht vielmehr die Zahl seiner Schulden oft noch größer.

10.10. In gesunden Tagen kannst du viel Gutes tun; was du aber in kranken Tagen ausrichten wirst, davon habe ich keinen Begriff. Kranksein macht wenig Menschen besser – Wallfahrten wenige heilig.

11.10. Sei du immer wie ein Fremdling und Gast auf Erden und sieh die Angelegenheiten der Welt für auswärtige Geschäfte an, die dich nichts angehen.

12.10. Sei kein Sklave der Neugier, und wirf alle die nichtigen Sorgen aus deinem Herzen. Was geht dich denn dieses oder jenes an?

13.10. Was geht es dich an, ob jener so oder anders beschaffen ist, dieser so oder anders handelt oder redet? Du brauchst einst nicht für andere zu antworten, aber für dich selbst musst du Rechenschaft geben. Was mischst du dich also in Dinge, die dich nichts angehen?

14.10. Jedes Laster wird seine eigene Plage haben. Schande und Schmach werden wie Berge über die Hoffart fallen, die Armut wird mit ihrer schwersten Last den Geiz zerdrücken.

15.10.  Auf der Bahn der Tugend tun sich aber gerade die vor allen anderen am meisten hervor, welche da, wo ihre Neigungen den heftigsten Widerstand leisten, den stärksten Angriff wagen.

16.10.  Je mehr der Mensch sich selbst überwindet, desto weiter schreitet er im Guten vor, desto größere Gnade verdient er sich.

17.10.  Auch das, was dir an andern am meisten missfällt, meide und bekämpfe du an dir selber mit ernstem Fleiß.

18.10.  Sieh du überall darauf, wie du besser werden kannst.

19.10. Siehst oder hörst du etwas Gutes, so lass in dir die schöne Begierde rege werden: Ich will es auch so machen.

20.10. Siehst oder hörst du aber etwas, das Tadel verdiente, so lass es dir zur Warnung dienen, dasselbe nie nachzumachen, oder, wenn du es doch einmal getan hast, so nimm es zum Anlass, den Fehler schnell wieder gut zu machen.

21.10.  Wie dein Auge auf andere sieht, so sehen andere Augen auf dich.

22,10,  Wie schädlich, das zu versäumen, wozu uns unser Beruf und unser Vorsatz verpflichten, und das Herz zu dem zu neigen, was außerhalb unserer Pflicht liegt!

23.10.  Gäbe es doch keine Bedürfnisse des Leibes und nur Bedürfnisse des Geistes: welch eine Seligkeit, sie zu befriedigen! Und diese Seligkeit, wie selten kosten wir sie!

24.10. Ohne Eifer und Fleiß kannst du keine einzige Tugend erlangen. Sobald das Feuer des Eifers nachzulassen anfängt, hört das rechte Wohlsein auf.

25.10. Den Lastern und Leidenschaften Widerstand leisten, ist ein heißeres Tagewerk, als unter herabrinnenden Schweißtropfen die schwerste Handarbeit treiben. .

26.10. Wache du über dich selbst, erwecke du dich selbst, sprich du dir selbst Mut ein, und, mag es mit deinen Nachbarn so oder so stehen, versäume nur du dich selbst nicht.

27.10. Schnell ändert sich des Menschen Sinn, und der Mensch ist schnell dahin.

28.10. Die heute für dich stehen, können morgen wider dich auftreten, und umgekehrt. Die Menschen ändern sich ja wie der Wind.

29.10. Ein innerlicher Mensch sammelt sich geschwind wieder in sich, weil er sich nie ganz an die Dinge außer sich verloren und ausgegossen hat. Ihn stört keine äußere Mühe und Beschäftigung. Wie die Dinge kommen, so weiß er sich in die Dinge zu schicken.

30.10. Wer inwendig fest steht und wohl geordnet ist, den zerstreut das törichte und verkehrte Treiben der Menschen nicht.

31.10. Der Mensch wird von den Dingen nur so weit gehindert und zerstreut, als er die Dinge an sein Herz heranzieht.

November

1.11. Wir dürfen uns selbst nicht zu viel trauen, denn oft fehlt uns die Gnade und der gerade Blick für die Dinge.

2.11. Oft tun wir Böses und machen das Böse, das wir getan haben, durch Entschuldigung noch böser.

3.11. Oft treibt uns Leidenschaft, und wir glauben, es sei frommer Eifer, was uns bewegt.

4.11. Geringe Fehler tadeln wir an andern sehr scharf und lassen große Fehler an uns ungestraft.

5.11. Was wir von andern auszustehen haben, das empfinden wir schnell und rechnen es schwer an. Aber, was andere von uns auszustehen haben, das nehmen wir ins  nicht zu Herzen.

6.11. Wer auf sich selbst ein wachsames Auge hält, dem wird es nicht schwer, bei fremden Fehlern stumm zu sein.

7.11. Hab ein gutes Gewissen, und du wirst immer Freude haben.

8.11. Ein gutes Gewissen kann viele Lasten tragen und kann auch mitten in Trübsalen heiter sein. Aber ein böses Gewissen ist immer voll Furcht und Unruhe.

9.11. Die Bösen haben keine wahre Freude und genießen keinen inneren Frieden.

10.11. Flüchtig und unstet ist alle Ehre, die die Menschen von einander nehmen und einander geben. Die Ehre der Welt geht immer mit Angst und Traurigkeit Hand in Hand.

11.11. Die Guten haben ihre Ehre in ihrem Gewissen, nicht im Munde der Menschen.

12.11. Wer ein reines Gewissen hat, der ist mit wenigem zufrieden und leicht zu begnügen.

13.11. Wenn du auf die Würde dessen siehst, der dir die Gabe darreicht, so ist keine Gabe gering, kein Geschenk unbedeutend.

14.11. Wenn du darauf siehst, was du im Innern wirklich bist, so wird es dich nicht sonderlich kränken, was die Menschen von dir sagen.

15.11. Den musst du lieben, den als deinen Freund behalten, der dich auch dann nicht verlässt, wenn dich alles verlässt, und der es nicht zulässt, dass du am Ende verdirbst.

16.11. Du bist leicht betrogen, wenn du nur auf das siehst, was an den Menschen weiter nichts als Glanz und Anstrich ist.

17.11. Lass dich nie danach gelüsten, dass du allein geliebt und gelobt wirst.

18.11. Sei rein und frei von innen her, und lass dich von keinem Geschöpf gefangen nehmen.

19.11. Nach dem Winter kommt wieder der schöne Frühling, nach der Nacht der liebliche Morgen, und nach dem Sturmregen der heitere Himmel.

20.11. Wir behalten uns gern etwas zurück, woran unser Herz noch Trost finden kann, und seines Ichs beraubt sich der Mensch nur ungern.

21.11. Das Wort des Gesetzes (3. Mos. 19,2; 1. Petr. 1,15) passt ganz besonders auf die Priester: Seid heilig, weil ich, euer Gott und Herr, heilig bin.

22.11. Lass dir die geringste Gabe so lieb sein, als wäre sie die höchste, und was andere verachten, das sei dir besonders wert.

23.11. Ein Mensch, der so ganz nach dem Geiste lebt, dass er nackt und bloß von allem wäre, ist der seltenste Fund auf Erden.

24.11.Wenn der Mensch all seine Habe daran gibt, so ist es noch so viel als nichts.

25.11. Wo du immer hingehst, so gehst du selbst mit dir, nimmst dich selbst mit, und so wirst du dich auch überall wieder finden.

26.11. Für nichtswürdige Dinge laufen viele sich müde, sie zanken und balgen sich um ein Groschenstück auf eine niederträchtige Weise, sie mühen und plagen sich Tag und Nacht, um irgendeine verheißene Kleinigkeit, ein täuschendes Nichts zu erhaschen.

27.11. Die Liebe ist in Wahrheit ein großes Gut. Sie allein macht alle Bürden leicht und duldet alles Leid mit Gleichmut. Sie trägt die schwersten Lasten und fühlt sie nicht. Sie macht alles Bittere süß und schmackhaft.

28.11. Schnell ist der Lauf der Liebe, hoch ihr Flug, lauter ihre Freude, frei und unaufhaltsam ihr Sinn.

29.11. Die Liebe fühlt keine Last, findet in der Arbeit keine Arbeit, fragt in ihrem Streben nie: wo nehme ich die Kräfte her?

30.11. Wer liebt, versteht die Sprache der Liebe.

Dezember

1.12.  Die Welt verheißt nur zeitliche und unbedeutende Güter und hat doch die eifrigsten Diener.

2.12. Die Liebe ist schnelltätig, aufrichtig, gütig, lieblich, froh, mild, stark, geduldig, treu, klug, langmütig, mannhaft und sucht niemals sich selbst. Denn wo einer sich selbst sucht, da hat er die Liebe schon verloren.

3.12. Wer liebt, muss um seines Geliebten willen alles Bittere und alles Schwere gern auf sich nehmen.

4.12. Die Selbstgefälligkeit und Hoffart treiben viele Menschen von Irrsal zu Irrsal und machen sie vollends blind, und ihre Blindheit wird nach und nach fast unheilbar.